tausendundein tod

Veröffentlicht am 12. März 2026 um 08:15

 

 

für diesen text gilt eine triggerwarnung. es wird darin eine situation um einen suizidversuch und das überleben dieses erwähnt. wenn diese themen für dich gerade nah oder zu belastend sind, lies ihn besser nicht oder nicht alleine.

 

 

 

 

mein mitbewohner und ich stehen in der küche. eigentlich ist schon dieser satz eine lüge, dafür ist die küche nämlich gar nicht groß genug. er steht in der küche, und ich stehe im türrahmen, wie immer auf einem bein in der baumhaltung, an die wand gelehnt. mein bruder hat vor ein paar wochen gefragt, wie das bequem sein kann. ich finde, es ist angenehm wenn nur ein fuß von unten kalt ist. mein mitbewohner, der in der küche, löst das problem einfacher und trägt hausschuhe.

 

"i don't like bugs", sagt er gerade. wir haben über meinen "roommate" gesprochen, eine kiefernwanze, die über wochen in meinem zimmer gelebt hat, weil ich es zu kalt fand, um sie nach draußen zu bringen. ich habe sie immer wieder in die zimmerpflanzen gesetzt, aber sie war störrisch und tauchte an den unmöglichsten stellen auf, aber nie in einer zimmerpflanze. ich konnte sie immer anlächeln, wenn sie auf meinem schreibtisch, kopfkissen oder an der kühlschranktür saß. ich mochte sie gerne, aber heute ist sie ausgezogen, weil die tage warm sind, und die nächte auch. 

ich denke an meine mutter, die nie verstanden hat, warum ich alle insekten retten musste, und auch nicht, warum es mir so wichtig war, die engerlinge aus dem kompost in den wald zu bringen. dabei hatte sie nie etwas gegen insekten an sich, sie hat meine wärme für die welt nur nie verstanden. 

 

ich kann gespräche über käfer führen, und dabei über meine kindheit nachdenken. dann geht es darum, wann er auszieht, der mitbewohner. ende april, sagt er. ende april, denke ich, und mache mir eine notiz in meinem kopf - "klären wann anzeige". 

neue mitbewohner finden ist anstrengend, sagt mein mund gerade, und, "i never even talked with you until you moved in". dann stockt die welt, gefriert für einen herzschlag. etwas stolpert, in mir, oder der boden? ich glaube nämlich, der mitbewohner hat es auch gespürt. es ist ein kosmisches anhalten, zwischen zwei personen.

er nickt. dann sagt er unverfänglich "i moved in after two days of being in germany", und nicht "and i never met you before i scrubbed your vomit of the floor", und ich atme auf, weil die gefahr vorbei ist. aber der moment klebt an mir wie es spinnweben tun würden, wenn wir spinnen hätten, im vierten stock eines plattenbaus.

 

wir reden weiter, und ich frage nicht ob er noch darüber nachdenkt, und wann, und ob er darüber sprechen will, mit mir, bevor wir uns nie wieder sehen. ich frage auch nicht, ob er mit rüber kommen möchte, endlich meerschweinchen kennenlernen. ich traue mich nicht, über irgendwas mit ihm zu sprechen, wenn ich mich daran erinnere, dass er mich tot gesehen hat. dieser augusttag steht immer in der nähe wenn wir sprechen, manchmal ein paar schritte weg, manchmal neben mir oder ihm, und manchmal, so wie heute, jetzt, steht dieser abend zwischen uns, vor mir, neben dem herd, und wir ignorieren ihn beide, aber vergessen lässt er mich nie.

 

"ich bin seitdem nie wieder gestorben", sage ich nicht, weil kein raum ist, und: "es war nicht das erste mal, weißt du? aber bis jetzt das letzte. das ist besonders. sehr" und: "vielleicht hast du mir zum letzten mal das leben gerettet, und das ist doch etwas gutes, können wir uns darauf einigen, dass es ein guter moment war, als du aufgemacht hast?" 

 

aber die spinnwebenrealität bleibt eben da, ob ich sie bei mir haben möchte oder nicht, denn keiner von uns sagt etwas. und ich erinnere mich ja auch nicht. ich habe nie gefragt, ob ich ihn bezahlen soll, dafür dass er den boden gewischt hat. ich habe das überlegt, am anfang. er hat mir ein paar tage später dinge in die klinik gebracht, die freundin die gepackt hatte hatte gesagt er wollte das so, wollte mich sehen. ich habe mich entschuldigt, er hat gesagt, dass es nicht schlimm ist. zwei fremde, die in einer wohnung wohnen werden, eine lebende tote, und jemand, der eine unbekannte nach einem suizidversuch in seiner wohnung gefunden hat, auf ihrem grauen plastiklaminatboden. wir reden nicht darüber. wir werden im nächsten halben jahr nie darüber reden. 

 

der mitbewohner will essen, deswegen standen wir nämlich vor allem in der küche, weil er gekocht hat nebenbei, und ich wasser geholt hatte. also verabschieden wir uns in die jeweiligen zimmer. ich sitze am schwarzen tisch und schaue nicht auf den boden an der tür. aber das gefühl lässt sich nicht einfach nicht anschauen.

er hat mittlerweile vielleicht nicht mehr eine fremde gefunden, sondern dieser erste abend ist eben der tag an dem er mich kennengelernt hat, er verbindet jetzt mehr mit mir.

aber ich? ich werde immer eine lebende tote bleiben, und mein innen vergisst nie, dass wir tausendundein mal gestorben sind. 

 

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