wochenende #11 - sprechen lernen

Veröffentlicht am 30. März 2026 um 08:30

das leben ist gelegenheit genug, vor allem um darüber zu schreiben. eine kolumne über das leben als chronisch psychisch erkrankter mensch.

 

für diesen text gilt eine triggerwarnung. es wird darin eine situation um einen suizidversuch und das überleben dieses (jahrestag) erwähnt. wenn diese themen für dich gerade nah oder zu belastend sind, lies ihn besser nicht oder nicht alleine.

 

 

23. - 28. märz

sprechen lernen

bestandsaufnahme:

 

  • ich suche blüten und grünzeug für die fellseelen. das gehört jetzt so.

 

es ist sonntag abend, und ich starre auf diesen satz. ich weiß nicht, was ich ansonsten schreiben sollte. ich versuche, die woche zu rekapitulieren, aber heute abend ist alles so unfassbar weit weg. ich versuche fakten zu finden: erstgespräch. telefonate um telefonate. hundespaziergänge. irgendwelche gespräche. wie lang war die woche? was war dann, und was ist wie lange her? wie soll ich so weiter machen? wie bastelt man einen blogartikel aus erschöpfung und verschwommener zeit?

ich hatte einen satz aus dem erstgespräch auf whatsapp zitiert. ich versuche ihn in meinem kopf zu finden, und scheitere. die praxis erinnere ich, seltsam, eng, zu wenig gelüftet, und eine frau, die mich niemals hätte nehmen können. ichweine danach nicht, ich fahre nachhause. es ist der tag vor dem fünfundzwanzigsten, und der war der mittwoch. vielleicht sollte ich diesen artikel so aufteilen, wie auch die woche geteilt war: davor, währenddessen, danach. 

 

23. - 28. märz

sprechen lernen

 

BEFORE:

ich glaube ich spreche über den mittwoch. ich dissoziiere, dann male ich, dann ist dienstag und ich fahre von a nach b und kriege keine luft, die ganze zeit. jemand zupft mir fäden aus dem körper, in der praxis wird ein kühlsschrank eingebaut, ich hole einen antrag aus der höll. dann die enge praxis, dann nichts, dann schlaf irgendwann, offensichtlich schlaf, denn ich wache wieder auf.

 

DURING: happy "ich lebe immer noch"-tag

ich telefoniere, das weiß ich. ich lebe, das denke ich mehrfach. ich würge, wenn ich mich mit tabletten beschäftige, aber ich schaffe alles, und ich weine, ständig, wütend, weil es keine hilfe gibt, und es nicht an mir liegt, schon lange nicht mehr. es liegt an der fehlenden versorgung. nicht an mir. aber das spielt keine rolle. ich überlebe den tag, obwohlmein körper auf den tod wartet, der seit jahren nicht kommt. ich würde das gerne jemandem erzählen, irgendwem, aber da ist ja keiner, also ist es eben so. was soll man schon tun? es ist der einzige tag der woche, an dem ich wach bin, klar, DA. es ist seltsam dass das genau am währenddessen punkt so ist, aber ich genieße es ein bisschen. 

 

AFTER:

ich verschwimme wieder. ich gehe mit einem hund gassi, und nicht zum pferd, weil ein fremdes kind krank ist. ich versuche hundesprache zu lernen, immer noch nicht im tierkomunikationssinne, sondern einfach nur mit dem wesen an meiner leine sprechen können. ich mache viel falsch, da bin ich mir sicher, aber ich schaffe es endlich ein bisschen, an ein 'wir' mit einem hundewesen zu glauben. sie glaube ich auch. dann gehe ich einkaufen und ich füttere tauben und pflücke immer noch grünzeug, und schlafe, schlafe, schlafe - bis die woche vorbei ist 

 

 

es ist das tagebuch eines jahrestags diese woche, an den sich keiner erinnert, außer mein körper. manchmal frage ich mich, ob irgendetwas real ist. dann suche ich bilder, und finde sie, zu hunderten, überall in meiner galerie - klinik, notaufnahme, intensivstation, und überall ich. es gibt videos von mir, fotos, und auf keinem dieser abbildungen bin ich so jung, wie ich es sein müsste - ich bin doch schon so lange nicht mehr SIE, das mädchen mit den langen haaren - wie kann das nur drei jahre her sein? irgendjemand, ich kann gerade nichtmal greifen wer, sagt: "krass dass es schon drei jahre sind" - und ich denke an zeit, und daran wie sehr mich diese jahre zerstört haben, geprägt, jeden tag bis heute irgendwie begleitet, und frage mich, wie die zeit irgendjemanden kurz vorkommen kann. es waren doch jahrzehnte, jahrhunderte, ganze leben in der schattenwelt.. menschen sind gestorben, ich bin nicht gestorben, ich habe gekämpft und gelitten und gelacht und gelebt und es waren trotz all dem nur drei jahre?!

aber es geht eben weiter, egal wie lang es an einem bestimmten tag ist. ich lebe immer noch. also vergeht der fünfundzwanzigste ohne dass irgendetwas wichtiges pasiert, und ich lerne weiter sprechen, über mich und mit einem hund und mit der welt. 

 

(die fellseelen lieben ihr grünzeug übrigens sehr) 

 

 

 

 

passt auf euch auf, ich tue es auch.

a. <3

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