wochenende #10 - frühlingsblumen

Veröffentlicht am 23. März 2026 um 08:00

das leben ist gelegenheit genug, vor allem um darüber zu schreiben. eine kolumne über das leben als chronisch psychisch erkrankter mensch.

 

 

16. - 22. märz 2026

frühlingsblumen

 

bestandsaufnahme:

  • jemand atmet weiter. ich, aber auch alle anderen. 
  • ich schwöre an einem montag: 'die woche wird besser' und 'der körper bleibt heile'
  • ich scheitere an beidem. immerhin endgültig erst gannz zum schluss
  • wir gehen in die helle zeit des jahres. der tag ist gleich lang wie die nacht, und jetzt wird er wieder länger sein. ich danke den bäumen, füttere die stadttauben und sammele das erste draußen-grün des jahres. die fellseelen mögen sauerampfer, das haben die von früher nicht getan. während ich ihnen beim mümmeln zuschaue, denke ich an ein paar weitere kleine tiere und lächle. ich habe wieder haustiere
  • in der welt passiert gewalt, überall. ich versuche mir keine anzutun. gewalt gehört schließlich nicht in dieses zimmer, diese wohnung, diesen ort. ich bin sicher. keine gewalt.
  • ich schreibe die texte für die anzeige für das zimmer des mitbewohners. ich schreibe von lage, und denke die ganze zeit an meinen ehemaligen tod, und daran, dass er mit s. auszug wohl vorbei ist. "schön" denke ich
  • ich telefoniere mit arztpraxen, krankenkassen, psychotherapie-möglichkeiten, physio... ich erreiche erstaunlich viele termine
  • ich buche züge nach g-town für ostern
  • "oh, noch ganz frisch", sagt die frau vom abw. ich sitze an einem sonntag dort und wir reden über die fellseelen. mir fällt auf, dass es sich anfühlt, als wären sie schon ewig bei mir, dabei sind es noch nicht einmal zwei monate
  • ich fotografiere blumen, ganz viele blumen: primeln, veilchen, osterglocken, krokusse, die ersten löwenzahne, gänseblümchen, leberblümchen, mehr und mehr farbflecke überall. die schneeglöckchen sind mit dem schnee verschwunden.
  • ich entschuldige mich für alles bei freund*innen. ich habe das gefühl, nirgends sein zu können. ich möchte schreien und nicht mehr ich sein.
  • morgens liegt noch der frost auf den wiesen, aber die tage sind hell und warm. abends um sieben ist es noch hell. manchmal wache ich zu früh morgens auf, wenn der himmel rosa und golden glüht. ich möchte nicht mehr aufstehen. also schließe ich meine augen wieder. ich wache zu oft nachts klatschnass und ziternd auf. 

 

mein nervensystem kommt nicht mehr zur ruhe. ich koche, das geht häufiger, als dass sich essen gut anfühlt. aber leider habe ich keine wahl, also zwinge ich bissen für bissen in meinen körper. morgens beim tabletten nehmen würge ich - aber das ist um diese jahreszeit ja leider seit jahren normal. bald ist wieder jahrestag, das wird mir diese woche wieder klarer. an dem tag kriege ich auch mein nächstes geld, und irgendwie macht es das sehr viel besser, weil ich eher auf den nächsten einkauf als auf DIESEN tag warte. ich rechne, wie viel salat ich füttern kann, und möchte weinen. ich werde morgen wohl nochmal grün mit pfand kaufen - denn die fellseelen werden niemals hungern und nicht ausgewogen fressen, nicht, solange ich das irgendwie verhindern kann. 

also atme ich. es sind nur noch drei tage, wir kommen durch, das sage ich mir immer wieder. bald kommt das kindergeld. bald ist april. auf instagram bieten menschen an, mir geld zu schicken. ich bin doch selbst schuld. draußen scheint die sonne. 

und es wird immer wieder frühling werden. und während es frühling wird wandere ich durch den wald und halte meine füße in den eiskalten frühjahrsbach. ich bin da. ich lebe. ich existiere. zumindest glaube ich das manchmal

 

passt auf euch auf, ich tue es auch <3 

 

a. 

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