wochenende #9 - mutterbäume

Veröffentlicht am 16. März 2026 um 08:30

das leben ist gelegenheit genug, vor allem um darüber zu schreiben. eine kolumne über das leben als chronisch psychisch erkrankter mensch.

 

08. - 15. märz 2026

MUTTERBÄUME

 

bestandsaufnahme

  • die woche gleitet mir durch die finger, genau wie mein handy. beide fallen, mein handy auf den boden - der fall endet - und ich treibe im wind. das display zerspringt, und ich irgendwie auch. ein handy kan man reparieren, mich dann irgendwie doch nicht, aber nähen kann man die risse in meiner haut immerhin. nur austauschen kann man mich nicht. eigentlich tragisch: ich wäre auch bereit, mehr als hundertvierzig euro dafür zu bezahlen
  • ich kartografiere meine siedlung. ich sitze auf baumstümpfen und baumwurzeln. ich suche nach blumen, und beobachte vor kälte noch langsame und taumelnde ameisen. google sagt, die eichen um mich sind älter als es die plattenbauten sind. ich glaube das gerne. es sind wächterinnen und hüterinnen der welt um die häuserblöcke der menschen herum. ich lege meine hand auf ihre rinde. 
  • diesen wochen verstehe ich immer mehr, wo der unterschid zwischen dem heutigen heute und einem früher mit therapie liegt: es gibt keine erwachsene person, die auf mich achtet, und an die ich mich wenden kann, wenn es mir gut oder schlecht geht. ich strukturiere meine hilf-lose zeit mitlerweile gut, aber in diesen tagen will ich nach bayern in die therapeutenstadt fahren, mich in die praxis über den dächern der stadt setzen und erzählen. 
  • "wollen sie stationär?", fragt mich jemand. eigentlich sagt er: "und sie wollen aber nicht stationär?" - es ist auf jeden fall egal, die antwort ist natürlich "nein"
  • ich beobachte die knospen aus der letzten woche jeden tag. so kriege ich zum ersten mal bewust mit, wie schnell sich die gelben forsythien im gegensatz zu den blättern öffnen. am liebsten würde ich den ganzen tag nur zuschauen. wann bekomen die ersten bäume blättter, und wer wird in der siedlung beginnen?
  • "hilfe", möchte ich sagen. oder schreien. auf jeden fall würde ich diese ausage gerne nicht länger nur denken, sondern auch aussprechen, aber da ist ja niemand, der helfen könnte.
  • vielleicht möchte ich nicht nur meine haut, sondern auch mein gehirn austauschen.
  • ich schaffe es immer noch, jeden morgen ein video vom balkon zu posten. den fellseelen geht es gut, sie laufen mir über die füße und sind so viel lebendiger als ich es je sein könnte. manchmal begrüßen sie mich sogar. ich denke bei jeder brombeerhecke und bei den ersten löwenzahnblättern an sie. "bald", tröste ich mich, während ich mehr salat kaufe. 
  • einen abend lang bin ich siebzehn. das durchbricht jede routine. dann muss ich aber eben doch wieder erwachsen sein, weil ich nicht mehr in einem dorf in bayern wohne, in dem ich eltern und nur einen edeka um mich habe. also kümmere ich mich um die realität, vor der ich nicht mehr fliehen kann.
  • kann ich meine hüfte mit auf die austauschliste schreiben?
  • essen fällt schwer - es ist eklig, nahrung in mich hinein zu zwingen, ohne hunger oder appetit.

 

jeden tag tabletten gehört schon lange zur norm, ein paar mehr oder weniger machen ja auch keinen unterschied mehr. ich schüte mir kapseln und pillen in allen farben in die hand und koche kaffe, poste "guten morgen vom balkon" und schreibe ein paar zeilen dazu. noah kahan bringt einen neuen song raus. ich höre viele podcasts. aus "krisenkochen" könnte ich wahrscheinlich ein neues format machen, denn ich schaffe es immerhin manchmal, statt unsinn eine mahlzeit zu machen. essen fällt schwer, den körper zu akzeptieren auch - aber lange röcke, barfuß laufen und schmerzmittel helfen.

ich schaffe wenig und tue noch weniger. ich rede mir ein, dass das okay ist. manches sollte endlich passieren. aber "das wird schon, irgendwann" und "ich mache das noch" - ins tun komme ich diese woche wenig. 

die blätter kommen stück für stück, um sechs uhr abends ist es noch hell, und ich glaube, ich bete, aber nicht zu gott, sondern zu den mutterbäumen. "schützt uns", flüstere ich in den wind, "lass es gut weiter gehen" 

für einen moment reißt bei sonnenaufgang die wolkendecke auf, und alles leuchtet rosa - vielleicht ja ein zeichen. 

 

passt auf euch auf, ich tue es auch <3

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