wochenende #8 - knospen

Veröffentlicht am 9. März 2026 um 08:00

das leben ist gelegenheit genug, vor allem um darüber zu schreiben. eine kolumne über das leben als chronisch psychisch erkrankter mensch

 

02. - 08. märz 2026

KNOSPEN

 

endlich kommt der fühling und die wärme- es geht weiter, stück für stück.und während alles erwacht, geht es weiter für mich. 

 

bestandsaufnahme:

  • ich traue mich dinge, weil ich hilfe brauche. also versuche ich mich daran zu gewöhnen, dass ich mit menschen sprechen darf. es beginnt mit einer nachricht, die jetzt schon so weit weg wird. mir entgleitet die zeit. die tage fließen ineinander, sanft, fast unmerklich, und plötzlich ist eine woche verschwunden
  • ich nehme nicht viel wahr in diesen tagen, nicht emotional und nicht in der welt. ich bin weit weg, viel zu weit weg. 
  • manchmal fliege ich, sanft und friedlich. die wolken tanzen um mich, oder ist es nebel?
  • flusstal oder himmel? 
  • ich versinke - ob in der erde oder im treibsand kann ich nicht sagen
  • macht es überhaupt einen unterschied, ob ich erstarre oder mich nur entferne? mein leben zieht an mir vorbei, ohne dass ich handeln kann. die psychiaterin verschreibt eine tablette blauen, gefährlich flüsternden nebel und irgendwas anderes. ich nehme keines davon, weil ich mich nicht traue. 
  • ich verspreche, mich bei jemandem zu melden, wen ich eine entscheidung getroffen habe. ich melde mich lange nicht, weil ich hoffe, ich habe bald weniger schmerzen. dann melde ich mich trotzdem, und spreche von röntgen, schmerztabletten und erschöpfung. ich versuche ehrlich zu sagen, was ich möchte, und was ich gerade kann. 
  • irgendwo ist da wut, aber auch angst, sie fließt unter den nebel, lässt mich nach hilfe und mehr schmerzlosigkeit fragen und daran scheitern. jeder schritt ist gut, jede neue tablette ibuprofen ist zu viel, aber "da müssen sie sich eben bis montag durchschlagen", also mache ich weiter, und laufe wenig und nur mit hilfe. es geht schließlich, und ich bin ja kein junkie, kein junkie, ich habe den vertrauten nebel nicht genommen, kann das jemand sehen bitte? (bitte?)
  • ich verpasse einen termin. ich verpasse nie termine, also steht jemand vor meineŕ tür und klingelt, um zu fragen ob es mir gut geht. ich möchte sagen, dass es mirr schlecht geht, aber er mus ja los, also lächle ich
  • im hintergrund eskaliert die weltpolitik, jeden tag mehr. ich kann nichts davon annehmen, es fließt durrch mich hindurch, kriege, bomben, tote, schmerz. alles ist zu viel, klein wie groß, also verarbeite ich nichts. das scheint auch eine option zu sein

 

für ein paar minuten lese ich als mein bruder in meinem bett schläft, lese ich tagebücher der vergangenheit. ich lese von einem mädchen, das von tränen, erschöpfung, angst und schmerz schreibt. und dass sie sich festhält, an alem was ihr bleibt, ihrem zuhause, schule. mit vierzehn schreibt sie: "ich habe niemanden, also rede ich im dunkeln mit dem papier", und das ist so weit weg, und ich frage mich wie sie so allein sein konte, während sie so traurig und verloren war. sie war ein kind. warum hat niemand ihre verzweiflung gesehen? ich will wütend werden, jemanden dafür anschreien, kämpfen für sie. stattdessen entfernt sich mein bewusstsein, und ich kann nichts davon tun. "es tut mir leid", möchte ich sagen, zurück in der zeit gehen und sie halten, aber die zeit läuft eben nur geradeaus. 

also beobachte ich, wie die äste draußen knospen bekommen und die fellseelen ihre birkenzweige fressen, unterhalte mich beim einkaufen mit menschen und lächle, so viel es geht. ich schreibe kleine momente in meine notizapp und beginne wissen zu sammeln. 

es wird weiter gehen, und die welt wird immer grüner und heller werden. 

die gänseblümchen beginnen zu blühen

und es wird immer wieder frühling werden, in unserer sich immer weiter drehenden welt.

 

passt auf euch auf, ich tue es auch 🤍

 

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