die angst an meiner hand

Veröffentlicht am 3. Juni 2026 um 17:06

 

nachbarstadt, nürnberg, ingolstadt, münchen, g-town - umstiege, gleiswechsel, ich ziehe die angst hinter mir her wie ein bockiges kind. "jetzt komm!", sage ich ungeduldig, "wir müssen weiter, sonst kommen wir nie an" - "aber wollen wir denn wirklich...?", fragt sie vorsichtig, versucht zu fragen - aber ich habe keine zeit für sie, winke ab, und das kleine dunkelblaue gefühl kauert sich zusammen, stolpert weiter an meiner seite und versucht schritt zu halten. 

sie hat sich mir gestern abend endgültig angeschlossen, als die nachricht kam - jemand frisst nicht mehr. ich habe sofort telefoniert. dann gewartet. dann wieder telefoniert. und währenddessen hat die blaue angst ihre orangene schwester, die sorge, abgelöst, hat sich neben mich auf mein bett gesetzt. sie trifft nicht die entscheidungen, nicht in dem fall - aber sie lässt mich im ausgleich auch nicht schlafen. wir sind also wohl quitt, zumindest versuche ich das zu sagen. 

manchmal, wenn ich genau hinschaue, sehe ich neben ihr das kleine kind meines innens. die angst hält klein-anna fest, ihre finger verschränkt. ich weiß, das ist die botschaft meiner dunkelblauen begleiterin: "schau hin. bitte. du machst da gerade etwas, dass der kleinen angst macht. komm, mach langsamer" - und so sehr ich das verstehen kann, so wenig gibt es eine alternative.

"wenn ich panik kriege, nütze ich auch nichts", hat gestern eine kluge frau gesagt, trotz der situation. ich versuche auch das anzunehmen, der angst deswegen die hand zu reichen, zumindest während wir fliegen, in zugsitzen, einmal durch halb deutschland. dann schickt sie stromschläge aus schmerz durch meinen ganzen körper, blitze, die in meinen armen knistern wie ein feuerwerk meiner nerven. 

"es tut mir leid", versuche ich meinem innen dann zu sagen, "ich weiß, wir haben gesagt, wir wollen nicht zurück. aber das hier ist so viel größer als "wollen". verstehst du, ihr, das nicht? es geht doch um noch einmal sehen, um grießbrei, um die herde noch nicht ganz verlassen - ihr müsst das doch sehen!" 

"aber du weißt doch, es wird weh tun dort zu sein", sagt das dunkelblaue gefühl, um das das gewitter tanzt - dabei hat sie die stimme eines kleinen mädchens. und ich atme tief ein, tief aus, und schaue hin. 

"ja, ich weiß"

"und du wirst traurig sein UND dort. du hast doch alles mitgekriegt. du kannst das nicht"

"weißt du, das gegenteil von liebe ist angst. ich möchte nicht nach dir handeln. nicht heute. weil ich zu sehr liebe um nicht durch, mit, trotz dir zu gehen"

die angst nickt vorsichtig.

"ich bleibe trotzdem da", sagt sie

ich lächle. 

"klar", ich strecke ihr die hand hin, "aber schritt halten, ja? wir müssen umsteigen!"

 

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